Tagungsbericht zum 32. Passauer Arbeitsrechtssymposion

14. + 15. Juni 2018

Digitalisierung fordert die Führungskräfte

 

»Führung im Wandel«, das war das Motto des diesjährigen Passauer Arbeitsrechtssymposions, das Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Hromadka vor über 30 Jahren ins Leben gerufen hat, um Theorie und Praxis des Arbeitsrechts, Wissenschaft und Wirtschaft, Arbeitgeber und Arbeitnehmer miteinander ins Gespräch zu bringen. Viele Konzepte, die heute zum Allgemeingut gehören, wurden zuerst in Passau diskutiert und gaben Gesetzgeber und Rechtsprechung Impulse.
Auch dieses Jahr stand wieder ein sehr praxisrelevantes Problemfeld auf dem Programm. Alle Untersuchungen belegen, dass gute Führung einen größeren Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit haben kann als das Gehalt. Richtiges Führen ist im „War for Talents“ einer der zentralen Faktoren für gutes Personalmanagement.
pas18_maschmann Die Führungskräfte werden immer jünger, wechseln häufiger und haben kaum noch Zeit, ihre Mitarbeiter anzuleiten. Die Mitarbeiter andererseits werden selbstbewusster, internationaler und sind mehr an Work-Life-Balance interessiert als an einer steilen Karriere. Die betrieblichen Hierarchien werden flacher, die Marktentwicklung wird dynamischer. Anstelle von Befehl und Gehorsam ist inspirierende Anleitung durch einen charismatischen, kümmernden Chef gefragt, so Prof. Dr. Frank Maschmann, Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitsrecht an der Universität Regensburg, der das Symposion seit sieben Jahren organisiert und moderiert.
Ehrengast des diesjährigen Symposions war die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts, Ingrid Schmidt. Sie sprach anlässlich des 80. Geburtstags von Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Hromadka ein Grußwort, in dem sie die herausragende Lebensleistung und das über 40-jährige Engagement als ehrenamtlicher Richter in der Arbeitsgerichtsbarkeit hervorhob. Kein anderer Richter sei annähernd so lange am BAG tätig gewesen. pas18_schmidt
pas18_wallisch Der erste Vortrag widmete sich dem Thema „Führung in einem Weltkonzern“. Dr. Jochen Wallisch, Executive Vice President HR der Siemens AG, stellte die Herausforderungen dar, die sich aus der Entwicklung der Arbeitswelt für den Alltag einer Führungskraft ergeben. Viele seiner Mitarbeiter sehe er kaum noch; sie erhielten heute Anweisungen über digitale Plattformen oder über Videokonferenz („digital leadership“). Die Anpassungsfähigkeit der Unternehmung verlange neue Arbeitsformen wie agiles Arbeiten, den Abbau von Hierarchien sowie entgrenzte und virtuelle Führung.
Dr. Burkard Göpfert, Partner bei KLIEMT.Arbeitsrecht, München, befasste sich dann mit dem Thema „Moderne Führungsinstrumente auf dem arbeitsrechtlichen Prüfstand“. Die Grundlage aller Führungsinstrumente sei nach wie vor das Weisungsrecht. Spannend sei die Frage, ob künftig auch Maschinen, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, eigene Entscheidungen treffen könnten. Einen gesetzlichen Anspruch auf Umschulung oder Fortbildung zur Anpassung an die neue Arbeitswelt gebe es zwar nicht, er könne sich aber sehr wohl aus der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers ergeben. pas18_goepfert
pas18_fischer In seinem Referat „Innovative Führungskonzepte aus Sicht der Wirtschaftspsychologie“ gab der Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Peter Fischer, Universität Regensburg, Führungskräften Tipps zu dem, was sie in der digitalisierten Arbeitswelt beachten müssen.
Rechtsanwalt Dr. Hans-Joachim Fritz, Partner bei Arnold & Porter, Frankfurt am Main, befasste sich unter der Überschrift „Führungskraft in der Matrix“ mit den Schwierigkeiten, die sich in sog. Matrixorganisationen aus der Gefahr widersprüchlicher Weisungen ergeben. Sie sind an der Tagesordnung, wenn Konzernunternehmen nicht mehr streng hierarchisch, sondern mehrlinig in Form einer Matrix nach Funktionen, Regionen und Produkten gegliedert sind, und für diese Bereiche verantwortliche Matrixmanager den Mitarbeitern von Tochtergesellschaften Anordnungen über die Köpfe der an sich zuständigen Geschäftsführer hinweg erteilen. pas18_hjfritz
pas18_bayreuther Eine zunehmende Rolle in Praxis und Gesetzgebung spielt das Thema Arbeitszeit. Stichworte: Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit, Arbeitszeitkonto, Arbeit auf Abruf, Brückenteilzeit. Betriebliche Flexibilität auf der einen, work-life-balance auf der anderen Seite, zwischen diesen beiden Polen muss das Recht die ausgewogene Mitte finden, so mit Recht Prof. Dr. Frank Bayreuther, Lehrstuhlinhaber für Bürgerliches Recht und Arbeitsrecht in Passau, in seinem Vortrag zu „Führung und Arbeitszeit“.
Dr. André Große Vorholt, Partner bei Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, München, und renommierter Strafverteidiger für Führungskräfte unternahm unter dem Titel „Führung und Verantwortung“ einen spannenden „Ausflug“ in das Wirtschaftsstrafrecht. Große Vorholt bot den Zuhörern einen Einblick in die vielfältigen Überlegungen, die Führungskräfte und deren Anwälte anstellen müssen, um Risiken im Rahmen der zivilrechtlichen wie der strafrechtlichen Geschäftsherrnhaftung zu minimieren. Zunehmend seien nicht nur Vorstände und Geschäftsführer, sondern auch leitende Angestellte und andere Mitarbeiter von persönlicher Haftung betroffen. pas18_grossevorholt
pas18_maschmann Prof. Dr. Frank Maschmann, ausgewiesener Fachmann auch des Datenschutzrechts, machte das Publikum unter dem Titel „Führung und Mitarbeiterkontrolle nach neuem Datenschutzrecht“ mit den neuesten Entwicklungen in diesem außerordentlich sperrigen Rechtsgebiet vertraut. Die Digitalisierung bietet Unternehmern immer neue Möglichkeiten der Mitarbeiterüberwachung: von Körpersensoren in der Dienstkleidung über Iris-Scans bis hin zu Datenbrillen. Maschmann schilderte, welche Pflichten durch die Datenschutz-Grundverordnung der EU (DS-GVO) auf Führungskräfte zukommen. Trotz umfangreicher Regelungen lasse auch die neue Verordnung manche Frage offen: insbesondere die heimliche Videoüberwachung, aber auch, ob der deutsche Gesetzgeber schärfere Regelungen treffen darf.
Michael Fritz, Geschäftsführer Personal DB Engineering & Consulting / DB Systemtechnik GmbH aus Berlin, rundete das Symposium ab mit einem Vortrag zum Thema „Führung durch Vergütung und das neue Entgelttransparenzgesetz“. Fritz thematisierte den Einfluss von Vergütung auf Mitarbeiterführung und setzte sich bei seinen Ausführungen zum Entgelttransparenzgesetz kritisch mit Schein und Wirklichkeit unterschiedlicher Vergütungssituationen auseinander. Letztlich müssten neue Wege beschritten werden: Lohngerechtigkeit sei vor allem eine Frage der Belohnung von sinnhaften Unternehmensprozessen. Vergütung müsse dazu beitragen, dass Mitarbeiter den Blick auf das Fortkommen des Unternehmens als Ganzes richten. Dazu bedürfe es kundenorientierten Denkens. pas18_mfritz
Das Passauer Arbeitsrechtsymposion wäre nicht das Passauer Arbeitsrechtsymposion ohne das entsprechende Beiprogramm. Wieder wurden zwei Preise zu je 3000 € vergeben: der Wissenschaftspreis der Wolfgang-Hromadka-Stiftung an Dr. Larissa Schobert für ihre Hamburger Dissertation zum Thema „Die reine Beitragszusage in der betrieblichen Altersversorgung“ und ein von den Bayerischen Metall- und Elektroarbeitgebern gesponserter Praktikerpreis an die Robert Bosch GmbH für ihr Projekt „Selbstorganisation im Konzern“.
Für Erholung und Erbauung sorgte am Abend des ersten Tages die Passauer Dommusik mit einer großartigen Aufführung der Franz Schubert Messe in B. Die 200 Teilnehmer waren sich einig: Sie werden auch zum 33. Passauer Arbeitsrechtssymposion am 27. und 28.06.2019 wieder nach Passau kommen.
Verfasser: Wissenschaftliche Mitarbeiter Thomas Götz und Steffen Jacobs
Passauer Arbeitsrechtssymposion